Die Cervelat ist mir Wurst 

 

Wieder einmal sorgt ein Facebook-Post für einen Medien-Hype. Es geht um eine Wurst, den Islam und die Frage: Wie viel Wahrheit braucht es eigentlich, damit eine Geschichte wirklich eine Geschichte ist?

Eine vielleicht mal wieder etwas belehrend wirkende (sorry!) kleine Wutrede vor dem Sommerloch aus meiner Zeit als SRF-Redaktionsleiter (2018).

Natürlich verfolge auch ich die Aktivitäten von Politikerinnen und Politikern aus meiner Region in sozialen Medien. Und natürlich habe auch ich den inzwischen berühmten Facebook-Post eines Aargauer Nationalrats gesehen über ein angebliches Cervelat-Verbot an einem Anlass einer Jugendorganisation. Meine Redaktion und ich haben nach kurzer Diskussion aber beschlossen, dass diese «Geschichte» eben keine Geschichte ist. 

   

Ich erkläre gerne kurz, weshalb wir zu diesem Schluss gekommen sind und weshalb - auch nach dem erwartbaren Medienhype - ich immer noch zu dieser Entscheidung stehe. Und falls Sie die Geschichte tatsächlich nicht kennen sollten, dann können sie diese zum Beispiel beim «Zofinger Tagblatt» nachlesen

Wahrheit und Erzählung

 Haben Sie das auch schon erlebt? Sie erzählen einem Kollegen eine Story, der erzählt sie weiter, dann wird sie noch einmal weiter erzählt und irgend einmal viel später erzählt Ihnen jemand Ihre Story... und Sie wundern sich darüber, was aus Ihrer Geschichte inzwischen geworden ist? 

   

Informationen «aus zweiter Hand» oder Geschichten «vom Hörensagen» sind Alltag in unseren Gesprächen. Journalistisch allerdings haben sie praktisch keinen Wert. Klar, als Ausgangspunkt für eine Recherche sind sie nützlich, als Inhalt für einen Artikel aber höchst fragwürdig. Es gibt ja nicht umsonst unter News-Journalisten die sogenannte «2-Quellen-Regel». Nur wenn eine Geschichte oder eine Tatsache von zwei voneinander unabhängigen Quellen bestätigt wird, kann sie als gesichert angesehen werden. 

   

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Aussage eines Politikers, er habe von jemandem etwas gehört, keine verwertbare Geschichte. Schon gar nicht, wenn es auf Nachfrage dann heisst, er könne oder wolle die Originalquelle nicht preisgeben. Der Sachverhalt bleibt für die Journalisten nicht überprüfbar. Es bleibt eine Erzählung, eine Behauptung. 

Wahlkampf und Klicks

Diese Erzählung gewinnt nicht zwingend an Glaubwürdigkeit, wenn man sich einer zweiten journalistischen Grundregel bedient: Überprüfe die Absicht der Quelle! Die Quelle ist in diesem Fall ein Politiker, der sich im Herbst wohl der Wiederwahl für ein nationales Amt stellt. Ein Politiker, der seit Jahren durch seine ziemlich provokative Kommunikation auffällt und mit dieser Erzählung selbstverständlich vermeintliche Belege für sein eigenes politisches Programm oder Weltbild gefunden zu haben glaubt. 

   

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich unterstelle niemandem, dass er nicht die Wahrheit sagt. Ich erkläre nur, was mir als Journalist bei der Überprüfung meiner Quelle durch den Kopf gehen könnte. Gerade auch, weil ich mich noch gut an eine Geschichte erinnere, die vor einigen Jahren im Zusammenhang mit diesem Politiker in unserem Kanton für Schlagzeilen sorgte. Eine provokative Aussage, basierend auf «Hörensagen», die sich im Nachhinein zumindest nicht «erhärten» liess. Sie ist in diesem Artikel der «Aargauer Zeitung» (PDF) von 2011 kurz erklärt. 

   

Nun stellt sich natürlich die Frage: Weshalb entscheiden sich Redaktionen dann eben doch für die Publikation dieser «Geschichte», obwohl gewisse Standesregeln doch eindeutig dagegen sprechen? Man kann nur vermuten: Die Anzahl Likes und Shares sind durchaus beeindruckend. 

Wurst und Brot

Mir ist trotz unzähligen Medienberichten bis heute nicht klar, wie wahr die Geschichte wirklich ist. Belege für ein «Cervelat-Verbot» an einem Fest, in einer Schule oder bei einer Jugendorganisation fehlen bisher in allen Berichten, die ich zum Thema gesehen habe. 

   

Dass eine Lehrerin bei einem gemeinsamen Essen, bei dem die Schülerinnen und Schüler das Essen auch teilen sollen, darauf hinweist, dass es Menschen mit «kulinarischen Einschränkungen» gibt, das erscheint mir nicht wirklich eine besonders aufregende Tatsache zu sein. 

   

Mein früherer Chef war Vegetarier, eine Praktikantin isst sogar vegan, eine Mitarbeiterin hat verschiedene Allergien. Ich kenne die «Probleme» gemeinsamer Verpflegung in einem heterogenen Team also durchaus auch aus meinem persönlichen Umfeld. Ich hätte daraus jetzt aber noch nie eine Geschichte machen wollen... 

   

Unabhängig von politischen Präferenzen und Weltbildern lässt sich sagen: Die Aufregung zum Thema Cervelat war für mich angesichts der nicht vorhandenen Fakten doch ziemlich beeindruckend.

Weisheiten und Lösungen

Dürfte, müsste oder könnte ich anderen Journalistinnen und Journalisten etwas auf den Weg geben, dann wären es ein paar ganz grundsätzliche und einfache Merksätze:

  • Nicht jeder Facebook-Post ist wichtig 
  • Nicht jede Erzählung ist eine Tatsache 
  • Ohne Tatsachen gibt es keine Geschichte 
  • Nicht jede «gestorbene» Geschichte ist eine, die man vermissen muss 


Das gilt übrigens - so meine ich - durchaus auch im viel zitierten «Sommerloch». 

   

PS: Falls es tatsächlich Schweinefleisch-Verbote gibt... die Cervelat ist dadurch nicht wirklich in Gefahr, wie ein User-Kommentar beim «Zofinger Tagblatt» festhält. Es gibt ja auch Poulet-Cervelats. Nur den Vegetarieren hilft das leider nicht... 

06.07.2018

Disclaimer

Früher habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ich diesen Text in meiner Freizeit geschrieben habe und er damit nicht durch Serafe-Gebührengelder finanziert ist. Dieser Disclaimer ist nicht mehr notwendig. 

Ich weise aber gerne darauf hin, dass ich Blogbeiträge immer noch in meiner Freizeit schreibe und dass ich ein vehementer Befürworter der Mediengebühr bin und deshalb ein entschiedener Gegner von Kürzungen beim öffentlichen Medienhaus. 

Wer mehr wissen will, informiere sich gerne bei der Allianz Medienvielfalt.